Sieg der Vernunft
Sie haben dementiert. Sie haben gewettert. Sie haben verneint. Sie haben sich geziert. Und jetzt haben sie sich doch der Vernunft gebeugt: Ab sofort pflanzt Porsche seinem mächtigen SUV Cayenne neben V6-und V8-Benzinern auch ein V6-Dieselherz ein.
Das Aggregat, das im Cayenne 240 PS entwickelt, ist keine Neuentwicklung, sondern eine Stiftung aus der eigenen Unternehmensgruppe: Sowohl im Audi Q7 als auch im VW Touareg wird der Drei-Liter-Diesel bereits eingesetzt. Im Detail haben die Porsche-Ingenieure das Common-Rail-Herzstück überarbeitet: Die Piezo-Einspritzventile, die Drallklappensteuerung und das Abgasrückführungssystem wurden optimiert, was zur Folge hat, dass der Motor im Cayenne ruhiger läuft, weniger Kraftstoff verbraucht und weniger Schadstoffe ausstößt.
Auch neben dem Motor mussten einige Dinge im Selbstzünder-Cayenne angepasst werden: Wegfahrsperre, Abgassystem, das Kombiinstrument im Cockpit, Ladeluftkühler und zahlreiche weitere Applikationen wurden überarbeitet.
Mit dem Ergebnis, dass sich auch ein Porsche mit Ölbrenner wie ein Porsche fährt. Und anhört: Wenn man das erste Mal den Schlüssel im Schloss herumdreht und den Motor startet, dringt ein wohlbekanntes Grollen an das Ohr der Passagiere. Draußen mag der Dieselmotor am Klang auch tatsächlich noch als solcher zu identifizieren sein, im Cayenne selbst ist davon nichts zu spüren. Also: Den Wählhebel der serienmäßigen Sechs-Gang-Automatik (leider gibt es vorerst kein Doppelkupplungsgetriebe) auf D und losgerollt.
Auf den ersten Metern tut sich der Cayenne noch ein wenig schwer; auch in der Dieselvariante sperren sich die 2,2 Tonnen Leergewicht deutlich gegen ein entspanntes Rollen. 8,3 Sekunden dauert es, um das Schwergewicht auf Tempo 100 zu bugsieren, was für ein SUV dieser Kategorie ein Porsche-würdiger Wert ist. Im Vergleich zu den Benzin-Varianten gibt sich der Selbstzünder nicht ganz so bissig, die Gänge werden spürbar früher gewechselt – dem Verbrauch zuliebe. Wird der Cayenne im normalen Modus bewegt, gibt er sich durchaus harmonisch, ja geradezu sanft. Wird die Sport-Taste betätigt, schärft er seine Krallen, was für typische Porsche-Fahrer dazugehören mag, nach unserem Gusto aber ein wenig zu hektisch und unpassend zum gutmütigen Charakter wirkt.
Also lieber die Sport-Taste wieder deaktiviert, stattdessen entspannt im höchstmöglichen Gang rollen – unterstützt von einem dezenten heiseren Pfeifen, das bei Schub wieder verschwindet – und verwundert auf die Reichweitenanzeige geschaut: Über 1000 Kilometer mit einer Tankfüllung – das gab es im Cayenne noch nie.
Natürlich produziert der Cayenne auch mit Sechszylinder-Diesel keinen Blumendünger. Im Schnitt 9,3 Liter Diesel auf 100 Kilometer werden viele Menschen hierzulande für nicht zeitgemäß halten. Immerhin: Im Vergleich zu einen V6-Benziner verbraucht der Dieselmotor 28 Prozent weniger Kraftstoff. Und wer auf der Autobahn haushaltet, kommt mit einem Verbrauch von unter neun Litern nach Hause.
Dass der Porsche Cayenne in der Diesel-Variante viel auf der Autobahn gefahren werden wird, dürfte außer Frage stehen. Schließlich bewegen schon jetzt die Fahrer ihre Benzin-Cayennes im Schnitt 60- bis 70000 Kilometer pro Jahr. Mit einem Dieselmotor lassen sich daher reichlich Kraftstoffkosten sparen. Und damit wird das Porsche-SUV für eine Zielgruppe interessant, die bisher nicht für den Kauf eines Porsche infrage kamen: Für die Rechner und Kalkulierer. Als Grundlage dient hierbei der Einstiegspreis von 56436 Euro.
Ach, zum Schluss: Was war denn jetzt der Grund für Porsche, nach langem Zaudern und Zieren doch einen Diesel im Cayenne anzubieten? „Die Zeiten haben sich geändert, seitdem wir den Cayenne auf den Markt gebracht haben“, so Klaus-Gerhard Wolpert, Cayenne-Chefingenieur. „Dieselmodelle werden in Europa stark nachgefragt, die soziale Akzeptanz ist bei einem Dieselmotor deutlich größer als bei einem Benziner, steuerliche Begünstigungen und künftige Gesetzgebungen werden Dieselmotoren bevorteilen.“ Viele vernünftige Gründe also, die eigentlich unvereinbaren Gegensätze Porsche und Diesel zusammenzubringen.
Und für die Zukunft – wie sieht es da mit den Sportwagen und Diesel aus? „Ausgeschlossen wird nichts, es steht alles auf dem Prüfstand“, so Wolpert. Ist jetzt nicht direkt eine Zusage, dass auch ein sportlicher 911er bald mit Selbstzünder kommt, aber wie es geht, sehen die Zuffenhausener gleich nebenan: In Ingolstadt hat Audi unlängst den R8 als TDI-Studie vorgestellt. Mit V12-Diesel und 500 PS. Klingt schon mal Porsche-kompatibel. Mehr Porsche












04.04.2012
