Mit Muskeln und Magie
Stuttgart. Der Ruf nach einer Frauenquote hallt derzeit laut vernehmlich durch weite Teile der Republik. Ein Thema, um das sich Mercedes-Benz beim Roadster SLK keine Gedanken machen muss. Ganz im Gegenteil: Bei Daimler wäre man irgendwie ein bisschen froh, wenn bei der dritten SLK-Generation, die ab heute bei den Händlern steht, ein wenig mehr Männer die Kaufverträge unterschreiben würden.
Seitdem Mercedes 1996 mit der ersten Generation des SLK für Furore sorgte, haftet dem offenen Zweisitzer der Ruf des Frauenautos an. Rund 40 Prozent aller SLK werden von Frauen gekauft – das ist, neben dem Audi TT Roadster, der deutlich höchste Anteil im Segment. Nun wagt sich bei der Marke mit dem Stern niemand aus der Deckung und propagiert eine höhere Männerquote. Aber ein wenig wollen sie – das ist zwischen den Zeilen deutlich herauszuhören – vom alten Image wegkommen.
Wie schafft man das? Zunächst einmal über das Design. Der SLK anno 2011 ist deutlich maskuliner gezeichnet; die Frontpartie, die eine traditionell lange Motorhaube abschließt, lässt Parallelen zum Supersportler SLS zu. Und der ist ein reines Männerspielzeug. Gestraffter ist die Silhouette, mehr Muskeln trägt die Karosserie zur Schau. Der breite Po, der die ebenso traditionell kurze Heckpartie beendet, ist sogar deutlich mehr als nur ein Schuss Macho.
Produktmanager Heiko Schmidt wiegelt aber ab: „Der SLK wird auch weiterhin von Frauen geliebt werden. Wir versuchen lediglich, eine etwas größere Spreizung vorzunehmen.“ Bedeutet: Für die weiblichen Kunden soll der – immerhin 184 PS starke – Einstiegsmotor des SLK 200 reichen, als Farbe vielleicht ein gedecktes Perlbeige, innen schicke bengalrote Nappaleder-Sitze. Und der männliche Kunde soll mit dem testosterongetränkten V6-Motor gelockt werden, der 306 Pferde auf den Asphalt schickt. Für die schärfere Optik gibt’s zahlreiche Anbauteile.
Wie’s das Klischee will: Wir haben mit ebenjenem 306 PS starken SLK 350 bereits etliche Testkilometer abgespult – und müssen den Hut ziehen: Dieser SLK ist eine echte Granate auf der Straße. Der Auspuffsound: gigantisch. Das Fahrwerk: genügt sportlichsten Anforderungen, ohne brutale Schläge ans Rückenmark auszuteilen. Die Lenkung: zu 100 Prozent präzise. Überholvorgänge sind keine wirkliche Herausforderung, enge Kurven durcheilt der SLK wie auf Schienen. Bei aller Sportlichkeit: 7,1 Liter Superbenzin auf 100 Kilometer sind ein mehr als respektabler Wert. Selbst das sportlichste Modell hat – wie die anderen beiden Motoren mit 184 und 204 PS auch – Start-Stopp serienmäßig an Bord.
Nur der Einstiegsmotor wird mit Sechsgang-Handschalter kombiniert, ansonsten übernimmt die 7G-Tronic automatisch die Schaltvorgänge. Da die Vierzylindermotoren in puncto Sound einen Nachteil gegenüber dem Sechszylinder haben, spendierten die Entwickler ihnen per Soundgenerator einen deutlich voluminöseren Sound. Daran werden sich vermutlich vornehmlich Männer erfreuen. Für Vielfahrer soll demnächst sogar noch – das gab’s bislang noch nie beim SLK – eine Dieselvariante folgen.
Auch im Innenraum findet sich manche Parallele zum SLS wie etwa die Lüftungsdüsen im Retrolook. Trotz der kompakten Abmessungen gibt’s reichlich Luft im Innenraum, und das nicht nur, wenn das Klappdach auf Knopfdruck im Kofferraum verschwindet. Dann freilich ist der Spalt, der zum Beladen der Heckpartie bleibt, äußerst schmal. Also lieber die Koffer vor dem Öffnen des Daches verstauen.
Auch wenn das Offenfahren mit Frischluftzufuhr natürlich das Hauptanliegen des SLK ist: Der Roadster ist „kein Auto nur für die sonnigen Sommerstunden, sondern für 365 Tage“, sagt SLK-Chefingenieur Jürgen Weissinger. Dafür sorgen zum einen die Innovationen, die mit den vorherigen Generationen eingeführt wurden: das Variodach, das in wenigen Sekunden verschwindet, sowie der Luftschal namens Airscarf, der bei Bedarf warme Luft aus der Kopfstütze in den Nacken bläst. Letzterer traf übrigens mit einer Ausstattungsquote von rund 80 Prozent aller SLK-Käufer genau den Nerv der Kunden.
Neuestes Gimmick an Bord des SLK ist das Panorama-Glasdach namens „Magic Sky Control“. Und ein Hauch von Magie liegt tatsächlich in der Luft, wenn der Fahrer per einfachem Tastendruck die Helligkeit des Daches verändert: Hell bietet es auch im geschlossenen Zustand ein annäherndes Open-Air-Gefühl. Dunkel spendet das Dach Schatten und verhindert ein Aufheizen des Innenraums. 2368 Euro Aufpreis kostet diese Spielerei – damit wird wohl nicht die Quote des Airscarf (487 Euro) erreicht werden.
Neue Serienausstattungen sind unter anderem ein Audiosystem mit großem Farbdisplay oder eine Klimaanlage. Zahlreiche neue Sonderausstattungen wie Multimedia-System mit Internetanbindung, Fahrdynamik-Paket oder Abstandsregler mit bis zum Stillstand bremsendem Pre-Safe-System lassen die Latte, die bei 38675 Euro als Einstiegspreis liegt, mühelos etliche Zentimeter nach oben rücken. Und so dürfte es bei aller Zielgruppen-Unterteilung Daimler-Chef Dieter Zetsche vollkommen egal sein, ob diese Latte letztendlich von Männlein oder Weiblein übersprungen wird...
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