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Harmonie in der „Hölle“
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Autor: Lothar Hausfeld 29. April 2011 11:00 Uhr

Perfektionstraining im 911er auf dem Nürburgring: Ein Erlebnisbericht

Harmonie in der „Hölle“

Nürburg. Respekt. Demut. Ehrfurcht. Wer das erste Mal über den Nürburgring fährt, sollte genau diese Empfindungen haben. Ich sitze an Bord eines 408 PS starken Porsche Carrera GTS auf der Döttinger Höhe, der Start-und-Ziel-Geraden der Nordschleife und warte. Warte darauf, dass Instruktorin Anja Wassertheurer das Signal zum Losrollen gibt.

 
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Grüne Hölle: Das ist nicht der Spitzname für den Porsche Cayman links, sondern für den Nürburgring. Hier kann man erahnen, wieso das so ist. Fotos: Porsche Wie Perlen an der Kette: Die Instruktorin fährt vorneweg, der Rest hinterher.
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Ich bin Teil des „Perfektionstrainings“ auf dem Nürburgring – wobei das Wort „Perfektionstraining“ fälschlicherweise impliziert, bei mir ginge es nur noch darum, die letzten Zehntelsekunden auf dem knapp 21 Kilometer langen Rennkurs herauszuholen. Bei Weitem nicht. Während die meisten der anderen gut 100 Teilnehmer in ihren Porsche GT3RS, Porsche Turbo S, Lamborghini Gallardo, Audi R8 oder Mercedes SLS AMG die „Grüne Hölle“ so gut kennen wie ihre Westentasche, speist sich mein Wissen allenfalls aus früheren Playstation-Formel-1-Spielen.

„Wir rollen los, erst einmal eine Runde zum Kennenlernen“, gibt Anja das Kommando. Klingt gut. Und auch wenn wir während der ersten Runde kaum auf 120 km/h kommen – für eine Rennstrecke ist das fast schon Bummeltempo – ist die Streckenführung des Eifelkurses atemberaubend.

Später werde ich mich ärgern. Ärgern, dass ich nicht genauer hingeschaut habe, denn ab jetzt bleibt keine Zeit mehr für Sightseeing. Runde für Runde wird das Tempo angezogen. Bremsen, einlenken, Gas geben, bremsen, einlenken, Gas geben. Die grüne Landschaft fliegt an mir vorbei. „In den Kurven nicht plötzlich das Gaspedal lupfen“, mahnt Anja per Walkie-Talkie. „Dann wird das Auto unruhig. Stattdessen in der Kurve ganz sachte auf dem Gaspedal bleiben, das stabilisiert das Fahrverhalten.“ Das fällt die ersten Male extrem schwer, doch einige Kurven, in denen ich vorher noch hektisch eingebremst habe, laufen mit ganz dezentem Gasdruck besser.

„Mensch, das ging ja schon richtig gut“, denke ich bei mir und setze mich zu Horst von Saurma-Jeltsch in seinen GT3RS. Der erfahrene Racer ist Chefredakteur der Zeitschrift Sport Auto, die mehrmals im Jahr das Perfektionstraining veranstaltet. Gute acht Minuten später weiß ich: Ich bin von „Perfektion“ in etwa so weit entfernt wie ein Trabant vom Gewinn des Formel-1-Titels. In atemberaubender Geschwindigkeit und Präzision lenkt von Saurma-Jeltsch sein Zuffenhauser Sportgerät um die Kurven, ohne dass den Co-Piloten dabei ein Gefühl der Unsicherheit ereilt. Der Abstand zwischen mir und dem Meister der Nordschleife: ungefähr Erde–Mond. Frustrierend. Aber auch faszinierend.

Unsere Gruppe dreht einige weitere Runden, nach und nach sitzen die Bremspunkte besser, gelingt das Beschleunigen aus der Kurve sicherer. Der 911 GTS röhrt, faucht, muss aber nur selten seine elektronischen Krallen zur Sicherheit in den Asphalt hämmern. Das ESP ist jederzeit bereit, hält sich aber dezent im Hintergrund. Auf ein Stoppen der Rundenzeit verzichte ich trotzdem – man könnte sonst schnell den Grenzbereich von der falschen Seite aus anfahren.

An manchen Stellen, wenn es steil bergab geht, rutscht man dermaßen tief in den Sitz hinein, fühlt man sich derart schwer, dass man beim schnellen Durchfahren befürchtet, den Fuß gar nicht mehr rechtzeitig auf die Bremse zu bekommen. An anderen Stellen verbergen Bergkuppen die Sicht auf den weiteren Streckenverlauf. Rechts? Links? Beschleunigen? Gas geben? Ich werde es auch nach der 15. Runde noch nicht verinnerlicht haben. Was bei Gruppenfahrten hinter dem Instruktor nicht so tragisch ist.

Zum Abschluss setze ich mich zu Anja Wassertheurer ins Auto. Während von Saurma-Jeltsch mit krachender Vehemenz über den Ring steuert, setzt die erfahrene Pilotin im grellgrünen Porsche Cayman R andere Schwerpunkte: „Wir bilden hier ja keine angehenden Könige der Nordschleife aus, sondern die Teilnehmer sollen Kompetenzen für den Alltag erlernen. Wichtig ist vor allen Dingen eine ruhige Lenkung. Wir fahren nicht aggressiv und hektisch, sondern harmonisch. Harmonie ist das A und O. Möglichst sanfte Lenkbewegungen, das Lenkrad sollte am Kurveneingang so eingeschlagen werden, dass man bei der Kurvendurchfahrt nicht nachjustieren muss“, erzählt Anja, während die Streckenabschnitte wie Flugplatz, Schwedenkreuz und Adenauer Forst vorbeifliegen.

„Die Nordschleife ist wie eine Landstraße“, plaudert die sympathische Instruktorin weiter, und während ich noch darüber sinniere, wie sicher wohl die Landstraßen in ihrer Stuttgarter Heimat sind, hält sie ein Plädoyer für mehr Sicherheit: „Junge Autofahrer sollten verpflichtet werden, an einem solchen Sicherheitstraining teilzunehmen. Dann lernen sie ihre Grenzen kennen – und das des Autos und vor allem der Physik. Da hilft dann auch kein ESP mehr, wenn man diese Grenze überschritten hat.“

Wie recht sie hat, zeigt sich an vielen Wochenenden, wenn junge Autofahrer nach dem Discobesuch übermüdet oder überdreht, auf jeden Fall überfordert mit der eigenen Geschwindigkeit, schwer verunglücken. Ein Sicherheitstraining wäre ein probates Mittel, um dagegenzusteuern. Respekt, Demut und Ehrfurcht sind auch auf der heimischen Landstraße durchaus keine schlechten Ratgeber...




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