Großer Bär
Osnabrück. Eine S-Klasse, gemixt mit Kombi, Van und SUV –kann das funktionieren? Theoretisch ja, doch in der Praxis halten die Kunden Abstand von dem Ungetüm: Keine 500 Stück hat Mercedes in den ersten drei Monaten des Jahres von der R-Klasse verkauft. Wir fuhren den R 350 CDI mit langem Radstand.
Nach dem Facelift im vergangenen Jahr sind zwar die für europäische Verhältnisse unverschämten Abmessungen geblieben, aber immerhin ist die Erscheinung an der Front jetzt geschmeidiger, nicht mehr so glubschäugig wie zuvor.
Wenn ein Auto fast 5,20 Meter lang ist, darf man eines erwarten: Platz. Und daran mangelt es hier natürlich nicht. Serienmäßig sind fünf Sitze, zwei weitere Plätze in der dritten Sitzreihe kosten 2618 Euro extra –ganz schön happig.
In der R-Klasse ist alles ein bisschen größer als anderswo. Selbst die Mittelarmlehne mit Staufach ist so wuchtig, als könnte man dort einen kleinen Staubsauber unterbringen, der die Krümel gleich wieder wegsaugt, die die lieben Kleinen auf den hinteren Plätzen so hinterlassen. Diese haben ihren diebischen Spaß daran, die hintersten Plätze in Beschlag zu nehmen. Oder die separate Klimaanlage für die Fondpassagiere wahlweise auf Schockfrost oder Sahara einzustellen.
Die Handhabung vom Siebensitzer zum Transporter geht in Ordnung, die meisten Handgriffe, die nötig sind, um die Sitze und Lehnen umzuklappen oder verschwinden zu lassen, sind mit geringem Kraftaufwand zu erledigen.
Auch am Komfort mangelt es nicht, die Beinfreiheit auf den Plätzen der zweiten Reihe ist unvergleichlich groß. Die Sitze sind für lange Fahrten gemacht, die Federung lässt das über 2,3 Tonnen schwere Gigantomobil über jede noch so böse Falle hinweggleiten.
Den Sechszylinder-Diesel bringt so schnell nichts aus der Reihe, auch bei höherem Tempo – 220 soll drin sein, doch das erschien uns mit diesem Schwergewicht dann doch zu gewagt – gibt er kaum Widerworte. Ohnehin: Solange die Kinder mitspielen, ist das Geräuschniveau äußerst angenehm an Bord.
Die Parkplatzsuche oder das Rangieren in engen Gassen erinnert an „Neues aus Absurdistan“. Durch das enorme Gewicht benimmt sich die R-Klasse hin und wieder wie ein tapsiger Bär, der gerade aus dem Winterschlaf aufgewacht ist. Auch der permanente Allradantrieb, der für diese Gattung von Fahrzeug in unseren Breitengeraden wahrlich verzichtbar wäre, trägt zum Mehrgewicht bei. Der mittlere Sitz der zweiten Reihe ist kaum mehr als ein Notsitz – der Siebensitzer ist so eher ein Sechssitzer; lieber gleich zur 4+2-Sitzkonfiguration greifen, die kostet auch nur 856 statt 2618 Euro.
Von allem ein bisschen, aber auch ein bisschen zu viel: Für die USA mag die Größe in Ordnung gehen, für enge deutsche Städte ist die R-Klasse vom Sternbild Großer Bär eine Spur zu mächtig. Wer auf Luxus à la S-Klasse mit Platz à la VW Multivan steht, könnte hier dennoch richtig sitzen.
Mehr zum Thema Mehr Mercedes










