Mercedes schneidet den Supersportler SLS AMG auf
Stuttgart. Wenn man außergewöhnliche Fahrzeuge bewegen und auch noch darüber berichten darf, fällt es besonders leicht, positive Nachrichten nicht für sich zu behalten. Hier und heute geht es um den Mercedes SLS AMG Roadster, der mit seiner nicht enden wollenden Motorhaube, unter der satte 571 Pferdestärken werkeln, sicherlich alles andere als ein profanes Gefährt darstellt.
Die gute Nachricht Nummer eins bezieht sich erst einmal nicht auf das neueste Mercedes-Modell, sondern auf die Schwester des Oben-ohne-SLS (SLS steht übrigens für Sport, Leicht und Super), den Flügeltürer. Ja, genau der, der mit seinem berühmten Vorfahren aus den 50er-Jahren des vorigen Jahrhunderts, dem 300 SL Gullwing, das einzigartige Türkonzept und die stets rundherum stehenden Fans, gemein hat.
Die potenziellen und finanziell potenten SLS-Anwärter können sich nun freuen, denn wer das nötige Kleingeld gleich mitbringt, kann sich seinen Flügeltürer-Traum sofort erfüllen. Vorbei sind die in der Anfangszeit üblichen, ewig langen Lieferfristen. Die Zahl der neu und leicht gebrauchten SLS auf dem Markt ist stark gewachsen. Und die Situation wird wohl noch kundenfreundlicher, wenn ab Ende Oktober einige SLS-Coupé-Eigner den knackigen Roadster geliefert bekommen und der dann gerade eingefahrene Flügeltürer vielleicht Platz in der Garage schaffen muss. Das Bessere ist halt der Feind des Guten.
Womit wir schon bei der guten Nachricht Nummer zwei wären – und auch diese bitten wir in Relation zu verstehen. Der Basis-Neupreis des SLS Roadster liegt nämlich mit 195160 Euro „nur“ rund 8500 Euro über dem des Flügeltürers. Und das kann man für ein Traum-Automobil mit dieser brachialen Leistung durchaus als Schnäppchen für die motoraffine Upperclass sehen, denn vergleichbar luxuriöse Sportmobile, etwa aus Nord-Italien oder gar mit britischen Wurzeln, kosten schnell mal einige Zehntausend Euro mehr.
Numero drei der guten SLS-News bezieht sich auf die atemberaubende Motorisierung. Die kennen wir zwar schon aus dem bereits erwähnten Coupé, aber da ja Downsizing und Doppelturbo-Power bei allen Automobilherstellern an der Tagesordnung stehen, ist es besonders erwähnenswert, dass die sportive Daimler-Tochter AMG an dem 6208 Kubikzentimeter großen V8-Saugmotor auch für den SLS Roadster festhält. Zumindest jetzt noch, bei diesem Modell. Denn nicht nur Insiderkreise wollen schon längst erfahren haben, dass demnächst auch bei Mercedes großvolumige Saugmotoren ihre Zukunft nur noch im hauseigenen Museum haben werden.
Daran denken wir jetzt aber nicht und erfreuen uns stattdessen viel lieber an dem herrlich sonoren Sound, der aus den beiden Parallelogramm-ähnlichen Endrohren trompetet. Um diese V8-Symfonien für die verwöhnten Ohrmuscheln noch zu verstärken, lassen wir keinen Tunnel aus. Denn hier erzeugt der Wiederhall der Wände eine so Gänsehaut fördernde Soundkulisse, die sonst wohl nur eine Horde der furchterregenden Saurier vom Schlage eines Tyrannosaurus Rex fertigbringt. Dagegen ist der Flügeltürer klangmäßig eine ganz matte Sache, erst recht mit verschlossenen Fenstern.
Aber zurück zum Anfang: Der Start des Triebwerks erfolgt keyless, dass heißt, der Zündschlüssel kann getrost in der Hosentasche verbleiben – man drückt einfach den rot blinkenden Startknopf in der Mittelkonsole. Mit dem E-Select-Wählhebel, der stilistisch an den Schubkraftregler eines Businessjets erinnert, wird die gewünschte Gangart eingelegt. Aus vier Fahrprogrammen kann man nun auswählen. Sie nehmen unterschiedlich das Gas an, schalten schneller oder gemächlicher hoch oder runter – von soft bis ganz brutal, mit oder ohne Zwischengasfunktion. Nur die Stichflammen aus den Auspuffrohren fehlen noch.
„C“, könnte für „Cruisen“ stehen, heißt aber offiziell „Controlled Efficiency“. Hier wird früh und komfortabel für den Alltag hochgeschaltet, der Verbrauch bleibt, wie die Motordrehzahlen, im Keller. Relativ gesehen natürlich. Der durchschnittliche Sprit-Durst wird werksseitig mit 13,2 Litern auf 100 Kilometer angegeben. Wie üblich, ein rein theoretischer Laborwert.
Sportlicher wird es mit den Drehknaufpositionen „S“, „S plus“ und „M“. Die Schaltzeiten werden kürzer, das Triebwerk dreht deutlich höher, und der ganz große Fahrspaß ist am sehr breiten Grinsen des Fahrers abzulesen. Bei dem 1,7-Tonner auch kein großes Wunder, schließlich erfahren wir ein rennsportliches Leistungsgewicht von 2,9 Kilogramm pro PS.
Bei offenem Dach bringt der 4,64 Meter lange Roadster natürlich die größte Laune mit sich. Das Ziehen des Hebels zur vollautomatischen Dachöffnung dauert genau elf Sekunden. Und schon ist das dreilagige Stoffverdeck, übrigens eine gewichtsoptimierte Magnesium-/Stahl-/Aluminium-Konstruktion, verschwunden. Vorteil hier: Das Kofferraumvolumen von 173 Litern verändert sich dadurch nicht. Das Flügeltürer-Coupé hat beiläufig erwähnt auch nur Platz für drei Liter Gepäck mehr unter dem Kofferraumdeckel.
Praktisch, falls mal kein Unterschlupf in der Nähe ist und man vor lauter Fahrvergnügen herannahende Regenwolken übersehen hat: Das Verdeck lässt sich auch noch bis zu einer Geschwindigkeit von 50 Stundenkilometern schließen – und dann bei erneutem Sonnenschein auch wieder öffnen. Wenn dann der Nacken vom Fahrtwind zu sehr abkühlt ist, schaltet man den optionalen Airscrarf ein. Der bläst einem schön vorgewärmte Luft um das Köpfchen.
Wer den Roadster-Fahrspaß aufs Optimum treiben möchte, wählt den Race-Modus inklusive der AMG Performance Media. Da erscheint dann das sogenannte G-Meter im Display. Der per Knopfdruck zu bestätigende Hinweis, dass man sich dadurch nicht ablenken lassen solle, kann wohl nur als Scherz von Sicherheitsfreaks aufgefasst werden.
Natürlich lenkt das Mäusekino in der Mittelkonsole massiv ab. Denn es präsentiert dem Fahrer neben den aktuellen Quer- und Längsbeschleunigungen auch den aktuellen Bremsdruck, Gaspedalstellung und benötigte Pferdestärken, wobei die Spitze von 571 PS rot unterlegt ist – und das stets in Echtzeit.
Mithilfe des G-Meters verfolgen wir auch die Fahrdynamik des SLS. Abhängig von der Fahrsituation, wandert der rote Punkt nach vorne, hinten, links oder rechts. Drei Kreise im Rundinstrument zeigen die Abstufung der aktuellen G-Kräfte von 0,5 über 1,0 bis 1,5 g. Und das fasziniert so richtig, das ist ja wie bei der Formel 1 auf dem Sofa vorm Fernseher. Da bringt selbst der Platz auf dem Beifahrersitz noch Spaß am Fahren.
Wer das Transaxle-Sportgetriebe mit der Race-Start-Funktion, wie die Launch-Control bei AMG heißt, voll strapazieren möchte, beschleunigt in der maximal möglichen Performance von 3,8 Sekunden auf Tempo 100. Nach nur 11,3 Sekunden ist die Tachonadel schon auf 200 geprescht. Die Höchstgeschwindigkeit ist bei elektronisch abgeregelten 317 km/h erreicht – das kann auch bei geöffnetem Verdeck versucht werden. Aber bitte weder mit Hut, Mütze oder Toupet!
Und die SLS-Familie wächst noch weiter. Nach dem Flügeltürer-Coupé, dem GT3, von dem übrigens schon 37 Stück an professionelle und semiprofessionelle Racer zum Mindestpreis von 398000 Euro verkauft wurden, kommt 2013 der rein elektrische SLS E-Cell. Hier ist der Preis allerdings noch geheimer als geheim...
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23.05.2011
