Flower? Power!
Wolfsburg. Mehr Lifestyle als Retro. Mehr sportlich als knuffig. Mehr Power als Flower. Volkswagen geht bei der Neuauflage des Beetle einen Schritt zurück, aber zwei nach vorne. Ab Mitte Oktober ist der Beetle zu Preisen ab 16950 Euro zu haben.
Als 1998 der New Beetle als Erbe des legendären Käfers an den Start ging, waren die Erwartungen hoch. Und letztlich waren sie zu hoch, auch wenn VW weltweit rund 1,2 Millionen verkaufter New Beetle uns als Erfolg anpreisen will. Aber: 13 Jahre Produktionszeit und die 21,5 Millionen verkaufter „echter“ Käfer sprechen eine andere Sprache.
Was also ist schiefgelaufen bei der Neuauflage der Legende? Die größten Problemzonen: Das Retro-Design nutzte sich zu schnell ab, die Platzverhältnisse waren zu eingeschränkt, die Preise zu hoch. Zudem lastete das Erbe des Ur-Käfers schwer auf dem New Beetle, der als echter Volks-Wagen die Massen mobilisierte und zum Sinnbild einer ganzen Generation wurde. Ganz schön große Fußspuren.
Was die Konzeption der nächsten Generation nicht unbedingt leichter machte. „Entwerft ein neues Original“, gab VW-Designchef Walter da Silva seinen Untergebenen als Marschrichtung vor. Rein optisch betrachtet, haben da Silvas Mitarbeiter einen erstklassigen Job gemacht. Der angestaubte Retrostil des Vorgängers ist verschwunden, und obwohl der Beetle jetzt in der Seitenansicht ganz deutliche Parallelen zum Ur-Käfer aufweist, kommt der dennoch spürbar frischer, sportlicher, muskulöser daher. Der Neue ist etwas flacher sowie deutlich breiter (rund acht Zentimeter) und länger (15 Zentimeter) als der Vorgänger. Die Windschutzscheibe steht steiler im Wind, und die Dachlinie im Heck würde man im Dunkeln kaum vom echten Käfer unterscheiden. Der Brückenschlag zwischen gestern und heute ist also formal gelungen.
Wer will, kann übrigens am Heck einen „Käfer“-Schriftzug anbringen lassen. In anderen Ländern würde dann entsprechend „Beetle“, „Vocho“, „Coccinelle“ oder „Fusca“ am Po prangen. Der Spitzname des Autos in Landessprache am Heck – dieser nette Marketing-Gag dürfte wohl einmalig sein.
Im Innenraum ist es dann aber vorbei mit den Reminiszenzen an die eigene Vergangenheit. Hier regieren klare Strukturen, modernes Design, höchst sportliche Optik – und selbst die Käfer-typische Blumenvase musste weichen. Im Vergleich zum Vorgänger kann man sich jetzt auch auf die zwei hinteren Plätze wagen, zumindest auf kurzen Strecken. Der Kofferraum ist mit einem Ladevolumen von 310 bis 905 Liter durchaus alltagstauglich, bietet aber trotzdem weniger Platz als beispielsweise ein Golf, mit dem er sich die Plattform teilt.
Auf den vorderen Sitzen fühlt sich alles ganz o.k. an, wenngleich die ansonsten typische VW-Perfektion in diesem Interieur (noch) nicht anzutreffen ist. Könnte aber auch daran gelegen haben, dass wir in Vorserienmodellen Platz genommen haben.
Der Mangel an Staufächern sowie das Fehlen von echten Ablagen in den Türverkleidungen – hier halten nur Stretchbänder das verstaute Material eher schlecht als zurück beisammen – ist allerdings nicht auf die Vorserie zu schieben.
Die neue Ausrichtung des Beetle soll nach dem Wunsch der VW-Verantwortlichen deutlich sportlicher sein. Bringt er das auch auf die Straße? In puncto Fahrwerk und Lenkung auf jeden Fall. Der Beetle ist straff abgestimmt, lässt sich flott und präzise um enge Kurven zirkeln.
Zum Marktstart gibt es den Käfer des 21. Jahrhunderts zunächst mit zwei Benzinmotoren, die 105 und 200 PS entwickeln. Ein 160-PS-TSI sowie 105- und 140-PS-Diesel folgen kurz darauf. Wir waren bereits mit dem stärksten Aggregat unterwegs – und waren einigermaßen überrascht, dass der Zwei-Liter-Direkteinspritzer tatsächlich 200 Pferde mobilisieren soll. Gefühlt sind es nämlich einige weniger. Möglicherweise versickert etwas an Kraft im hier serienmäßigen sechsstufigen Doppelkupplungsgetriebe, aber im Golf GTI etwa, wo der gleiche Motor verbaut wird, macht das Aggregat ungleich mehr Spektakel auf der Straße.
So ganz setzt der Beetle seine sportliche Ausrichtung also nicht um, aber keine Sorge: Es reicht vollkommen, um zügig voranzukommen. Ist die Motorenfamilie komplett, verbraucht die sparsamste Variante im 1,6 TDI mit 105 PS lediglich 4,3 Liter Diesel auf 100 Kilometer; der schnellste – der 2,0 TSI mit 200 PS – erreicht 225 km/h.
„Der Ur-Käfer war nie ein unerreichbares Auto. Durch seinen günstigen Preis wurde er zum echten Volkswagen“, dröhnt derweil die VW-Marketing-Maschinerie. Und das reklamieren sie auch für den neuen Beetle, der mit 16950 Euro günstiger als der Vorgänger (der sogar nur über 75 PS im Einstiegsmodell verfügte) startet. In der Grundausstattung „Beetle“ sowie in der Variante „Design“ (ab 17925 Euro) fehlt allerdings die Klimaanlage. Diese gibt’s nur im Paket mit Tempomat und Mittelarmlehne für stolze 900 Euro; Klimaautomatik kostet mit den gleichen Zutaten 1260 Euro. Immerhin: In der teuersten Ausstattungslinie „Sport“, in der der 200-PS-Beetle serienmäßig daherkommt (27 100 Euro), ist eine manuelle Klimaanlage Standard.
Power statt Flower: Es wird spannend, ob die komplette Neuausrichtung des Beetle hin zum sportlich-schicken Lifestyle-Flitzer ankommt. Immerhin legt sich der Volkswagen hier unter anderem mit einem Trendsetter wie dem Mini an. Und wenn es in Deutschland nicht ganz so bombastisch laufen sollte, könnte VW das vermutlich verschmerzen: In den USA und China ist man schon ganz heiß auf den 21st Century Beetle. Dort ist anscheinend Power immer noch mehr angesagt als Flower.
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