Lancia Y: Die knatternde Guccitasche
Osnabrück. Dass Kleinwagen nur karge Wägelchen sein müssen, gehört glücklicherweise schon länger der Vergangenheit an. Lancia geht beim Y noch einen Schritt weiter: Der kleine Italiener will so etwas wie eine fahrende Gucci-Handtasche sein. Wir haben den Viertür-Zwerg mit 85 PS unter die Fittiche genommen.
Optisch macht der Lancia durchaus etwas her: Mit dem großen Kühlergrill zeigt er ein ebenso großes Selbstbewusstsein, auch das runde Heck mit den pfiffigen Leuchten weiß zu gefallen. Auf den ersten Blick sieht der Lancia wie ein Coupé aus, was an den versteckten Griffen der hinteren Türen liegt. Nachteil der schicken Optik: Die Türen sind nur sehr schwer zu öffnen.
Im In-nenraum will der Ypsilon hochwertig wirken, was ihm auch größtenteils gelingt. Klavierlack-bezogenes Audiosystem, ordentliche Kunststoffflächen – als Liebhaber italienischer Autokunst muss man allerdings darüber hinwegsehen, dass die Spaltmaße nach heutigen Maßstäben hier und dort eine Spur zu groß ausfallen.
Tacho, Drehzahlmesser und Multiinstrument sind beim Lancia Y mittig platziert – der Sinn dieser Konstruktion bleibt uns auch im Jahr 2012 verschlossen. Die Augen müssen immer wieder von der Straße in Richtung Cockpitmitte wandern, wenn man die aktuelle Geschwindigkeit oder Informationen des Bordcomputers ablesen möchte. Letzterer ist dafür serienmäßig vorhanden.
Pfiffig: Die auf Wunsch lieferbare (60 Euro extra, Serie in „Platinum“) feste Halterung für ein TomTom-Navi vermeidet unschönen Kabelsalat – der würde sich auch mit dem eher feinen Interieur beißen.
Das Platzangebot ist der Größe des Fahrzeugs angemessen. Das bedeutet: Als Dienstwagen für Dirk Nowitzki ist der Y eher ungeeignet; die Oberschenkelauflage ist nach unserem Geschmack und Bedürfnis ein wenig zu kurz, die Kopffreiheit so gerade noch ausreichend. Hinten gibt’s standardmäßig nur zwei Sitze, ein dritter Sitz kostet extra – wobei wir uns drei Erwachsene auf der schmalen Sitzbank kaum vorstellen können.
Auf der Straße ist der schicke Kleinwagen ein Auto mitmehreren Gesichtern. In der Stadt gibt sich der Lancia wendig, einfach handhabbar. Was auch an der „City“-Taste liegt, mit der die Servolenkung auf besonders leichtgängig gestellt wird. So wird das Kurbeln im Parkhaus extrem erleichtert, jede noch so kleine Parklücke exakt angesteuert – trotz der etwas eingeschränkten Übersicht, was an den kleinen Scheibchen liegt.
In der Stadt empfiehlt sich auch das Aktivieren des „Eco“-Modus. Dieser drosselt die Leistung des 85-PS-Motörchens auf 78 PS, was sich auf der einen Seite natürlich im geringeren Beschleunigungsverhalten bemerkbar macht, aber die Verbrauchszahlen in Richtung Prüfstandswerte drückt. So schafften wir als Bestwert einen Durchschnitt von 4,8 Litern auf 100 Kilometer – dazu ist allerdings ein gerüttelt Maß an Disziplin nötig.
In der Stadt spart das serienmäßige Start-Stopp-System weitere Zehntelliter Sprit ein; die Schaltpunktempfehlung gibt sich gnadenlos: Auch bei 60 km/h im vierten Gang rät sie dem Fahrer, in die fünfte Stufe zu wechseln – es braucht einige Tage, eheman das zittrige Knattern des Zweizylinders richtig zu interpretieren weiß: Nein, der ist nicht kurz vorm Absterben, der läuft nur extrem niedertourig.
Ohnehin, der Zweizylinder: Von denPS-verwöhnten Kollegen der schreibenden Zunft gerne mal verspottet, hat das Aggregat unser Herz schon im Fiat 500 erobert. Der Sound des 0,9-Liter-Motors bewegt sich irgendwo zwischen Moped und Nähmaschine, ist aber so gut wie nie aufdringlich. Nur anders. Putzig. Von einem Zweizylinder sollte eben niemand Sound und Fahrleistungen eines V6 erwarten.
Wenn man das Stadtgebiet verlassen hat und den „Eco“-Modus deaktiviert hat, steht die volle Leistung zur Verfügung – und die knatternde Gucci-Tasche macht richtig Spaß. Der Motor ist drehfreudig, klingt unter Last noch eine ganze Ecke kerniger, und auch wenn das Drehmoment nicht in schwindelerregende Höhen steigt: Der Y lässt sich flott bewegen, Überholvorgänge auf der Landstraße sind eine zumeist mühelose Übung, und auch auf der Autobahn schwimmt der Italiener mit den Großen mit. Auch wenn man hier hin und wieder die Gänge richtig, richtig hoch ausdrehen muss.
In letzterem Fall sind Verbrauchswerte jenseits der sieben Liter keine Seltenheit – das ist der Preis, den man für ein Downsizing-Aggregat mit Turbobeatmung heutzutage zu zahlen hat. Wer allerdings weitgehend auf den Bleifuß verzichtet, vorausschauend fährt, der wird mit einem Verbrauch von rund fünfeinhalb Litern auf 100 Kilometern recht selten die Tankstelle aufsuchen müssen. Und sich dort über den cleveren Tankdeckel freuen, der zum einen eine Fehlbetankung verhindert, und der zum anderen den klassischen Tankstutzen überflüssig macht.
Noch wichtiger als die rationalen Gründe mögen für potenzielle Kunden aber die individuellen Gestaltungsmöglichkeiten des Ypsilon sein. Unsere Fotos zeigen die 16 verschiedenen Lackierungen, wovon insbesondere die vier Bi-Color-Varianten mit unterschiedlich lackiertem Dach und Motorhaube interessant sind (790 Euro extra). Die lange Zubehörliste führt Positionen wie verschiedene Schlüsselcover – auf Wunsch mit Swarowski-Kristallen – im Geschenkkarton, diverse Zierteile oder einen Duftspender. Dolce Vita an Bord.
Mit dem 0,9-Liter-TwinAir-Motor kostet der Y mindestens 13700 Euro; in der Einstiegs-Ausstattungsvariante „Silver“ ist die Bestückung allerdings noch nicht so, wie man es sich von einem dem Luxus verpflichteten Kleinwagen vorstellen würde. Das gilt freilich nicht für die Sicherheit der Passagiere an Bord; ohne ESP, reichlich Airbags oder Berganfahrhilfe verlässt kein Y die Fabrik. Klimaanlage oder Audiosystem gibt es dagegen erst ab „Gold“ (15150 Euro), und wer „Platinum“ (16850 Euro) wählt, der wird mit Klimaautomatik, Freisprecheinrichtung, Leder-/Stoff-Sitzen und einigem mehr verwöhnt.
Die Aufpreisliste hat noch genügend Luft, ohne Probleme lässt sich der Lancia so konfigurieren, dass der Preis die 20000-Euro-Grenze passiert. Unsere Empfehlung: „Platinum“ plus rot-schwarze Bi-Color-Lackierung, Parksensoren hinten (260 Euro), TomTom-Navi (359 Euro) – damit ist der Rationalität und dem Komfortbedürfnis Genüge getan. Und für den individuellen Geschmack können wir ja schlecht Ratschläge geben.
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